Die Grundlagen

Was Narrative wirksam macht

Aus jahrzehntelanger Forschung zu Psychologie, Kommunikationswissenschaft und sozialen Bewegungen haben sich drei zentrale Fragen herauskristallisiert, die entscheiden, ob ein Narrativ Personen zum Handeln bewegt:

Erkenne ich mich und meine Welt in diesem Narrativ wieder?

Knüpft es an meine Werte und meine Identität an?

Vertraue ich denjenigen, die es verbreiten?

Sehe ich Personen wie mich, die bereits so handeln?

Sehe ich eine Rolle für mich in dem, was passieren soll?

Gibt es eine Zukunft, für die es sich einzusetzen lohnt?

Kann ich mir vorstellen, selbst aktiv zu werden?

Wird die Verantwortung auf mehrere Akteur:innen verteilt?

Ist der angestrebte Wandel realistisch?

Erkenne ich eine schlüssige Geschichte des Wandels?

Kann ich mir konkret vorstellen, wie der Wandel abläuft?

Weckt der emotionale Ton ein Gefühl von Machbarkeit und Zuversicht?

Erkenne ich mich und meine Welt in diesem Narrativ wieder?

Personen lassen sich auf Narrative ein, die dazu passen, wer sie sind und was ihnen wichtig ist. Wirkt ein Narrativ nicht stimmig mit der eigenen Identität oder den eigenen Werten, löst dies Abwehr und Rückzug aus.

Wiedererkennung hat aber nicht nur mit Werten und Identität zu tun. Sondern auch damit, wer Botschaften sendet und wer sichtbar handelt.

Wissenschaftler:innen gehören beispielsweise weiterhin zu den vertrauenswürdigsten Quellen zum Klimawandel. Allerdings vertrauen Menschen ebenso sozial nahestehenden Stimmen: Freund:innen, Gleichgesinnten und Personen, die sie als sich ähnlich wahrnehmen. Besonders bei skeptischen Zielgruppen wiegen solche persönlichen Quellen oft schwerer als institutionelle Fachexpertise. Vertrauen hängt somit nicht nur von Qualifikationen und Titeln ab, sondern auch von wahrgenommener Aufrichtigkeit, gemeinsamen Werten und davon, ob die vermittelnde Person respektvoll kommuniziert.

Narrative signalisieren zudem, was als normal gilt. Wird Klimaschutz mit einem bestimmten Menschentypus oder einer spezifischen Gruppe in Verbindung gebracht, kann eine Beteiligung für andere sozial riskant wirken – selbst für Leute, die dem Anliegen eigentlich zustimmen. Narrative, die zeigen, dass andere Personen bereits über soziale Gruppen, Branchen und Institutionen hinweg handeln, signalisieren hingegen, dass niemand allein handelt und Veränderung bereits im Gang ist.

Zum Beispiel: Die 2024 in Grossbritannien lancierte Kampagne «Invest in Britain» plädiert für öffentliche Investitionen in saubere Energie und grüne Infrastruktur – doch sie beginnt nicht beim Klima. Sie baut auf dem auf, was die Anwohner:innen dort bereits erleben: Jahre der Sparpolitik, ein überlastetes Gesundheitssystem, zerfallende Infrastruktur und das Gefühl, dass das Land zurückfällt. Indem das Narrativ der Kampagne in dieser gelebten Realität verankert ist, sorgt die Kampagne für sofortige Wiedererkennung. Das Zielpublikum muss nicht zuerst überzeugt werden, dass etwas nicht stimmt – es weiss es bereits. Von diesem gemeinsamen Ausgangspunkt geht die Kampagne aus. Sie zeigt auf, dass grüne Investitionen zu dem beitragen können, was sich die Brit:innen tatsächlich wünschen: gute Arbeitsplätze, verlässliche öffentliche Dienstleistungen und eine Wirtschaft, die das Wohlbefinden der Bevölkerung ins Zentrum stellt. Das Klima-Argument reist so innerhalb eines Narrativs mit, das die Leute bereits verinnerlicht haben.

Sehe ich eine Rolle für mich in dem, was passieren soll?

Um ins Handeln zu kommen, muss deine Zielgruppe ihre eigene Rolle im Narrativ der Veränderung wie auch in der angestrebten Zukunft erkennen. Sie muss verstehen, was sie selbst tun kann und wie sie in das grosse Ganze eingebettet ist. Gelingt das, werden aus Beobachtenden Mitwirkende.

Auch die Verteilung von Verantwortung spielt eine Rolle. Narrative, die die gesamte Last systemischen Wandels auf individuelle Konsumentscheidungen abwälzen, wirken ungerecht. Ebenso binden Narrative, die alle Verantwortung an Fachleute, Politik oder Aktivist:innen delegieren, die meisten Individuen zu wenig ein. Wirksame Narrative zeigen, wie Verantwortung zwischen Bürger:innen, Institutionen, Unternehmen und Regierungen aufgeteilt wird und wie jede:r einen sinnvollen Beitrag leisten kann.

Zum Beispiel: Als Greenpeace 2010 das Palmöl in KitKat-Riegeln bis zu abgeholzten Regenwäldern auf der Insel Borneo zurückverfolgte, entwickelte die Organisation ein Narrativ, das allen Akteur:innen eine konkrete Rolle zuwies. Ein viraler Videoclip – eine Parodie von KitKats eigenem Slogan «Have a Break» – zeigte Konsument:innen genau, womit ihr alltäglicher Einkauf verbunden war, und rief sie dazu auf, direkten Druck auf Nestlé auszuüben. Die Kund:innen überschwemmten Nestlés Social-Media-Kanäle. Nestlé gab unter dem öffentlichen Druck seinen Palmöl-Lieferanten auf. Andere grosse Marken – Mars, Mondelez, Hershey – folgten und verpflichteten sich zu einer entwaldungsfreien Beschaffung. Das Narrativ funktionierte, weil es jeden Schritt der Kette sichtbar machte und mit einer konkreten Handlung verknüpfte: Konsumierende konnten Druck auf Marken ausüben, Marken konnten Entwaldung aus ihren Lieferketten ausschliessen, und Palmölfirmen mussten mit echten wirtschaftlichen Konsequenzen rechnen, wenn sie Wald abholzten.

Ist der angestrebte Wandel realistisch?

Das Narrativ muss erklären, wie Veränderung stattfindet. Die Zielgruppen müssen verstehen, wer beteiligt ist, wie sich Veränderung entfaltet und wie heutiges Handeln mit Resultaten zusammenhängt. Bleibt das unklar, wirken Handlungen symbolisch oder sinnlos.

Veränderung muss also greifbar sein. Konkrete Beispiele helfen dabei, zu zeigen, wie Veränderung in der Praxis umgesetzt wird und wie Personen und Institutionen daran mitwirken. Das erleichtert das Verständnis dafür, wie systemischer Wandel funktioniert.

Auch die Konsistenz des Narrativs ist entscheidend. Ein Narrativ, das dringlich Alarm schlägt aber gleichzeitig das Gefühl erweckt, die Katastrophe sei bereits unvermeidlich, erzeugt einen Widerspruch: Wenn die Zukunft schon entschieden ist, warum sollte dann ein entschlossenes Handeln noch etwas bewirken? Damit ein Narrativ glaubwürdig ist, muss der emotionale Ton zur geforderten Handlung passen.

Zum Beispiel: Im Juni 2024 nahmen die Schweizer Stimmberechtigten das Stromgesetz zum Ausbau der inländischen erneuerbaren Energien mit 68,7 Prozent an. Die Kampagne war erfolgreich, weil sie eine glaubwürdige Vorstellung davon vermittelte, wie Veränderung geschehen würde: konkrete Ziele, finanzierte Anreize und klare Zuständigkeiten für Staat, Wirtschaft und Hauseigentümerschaft. Statt von allgemeinem Klima-Alarm auszugehen, griff sie auf eine Erfahrung zurück, welche die Stimmbevölkerung erst kürzlich gemacht hatte – die Sorge vor Energiemangel in den Jahren 2022 und 2023 – und argumentierte für Energiesicherheit und Unabhängigkeit. Das Klima-Argument reiste somit innerhalb eines Narrativs mit, dem die Wähler:innen folgen und das für sie realistisch, schlüssig und greifbar war.

Beginne damit, dein Narrativ zu bauen: